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Im düsteren Gleichmarsch – Chris Cunningham

Auch wenn die Videos nicht neu sind, heißt das nicht, dass sie nicht mehr interessant oder zeigenswert sind. Nein, im Gegenteil, wenn sie sich nicht schon in unsere verbildeten Hirnwindungen gebohrt haben, ist jetzt die Möglichkeit dazu. (von Julius Brodkorb)

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Aphex Twin/Chris Cunningham Live Performance, Foto: © 2006 Pietro Izzo

Diesmal gibt es eine Menge alter Videos, aber das auch nur, weil sie einfach so gut sind. 1996 enstand ein Musikvideo von einem ehemaligen Comiczeichner namens Chris Hall, der sich nun mit seinem Klarnamen Chris Cunningham bezeichnete, für die Elektroniker Autechre. Sowas hatten wir alle bis dato nicht gesehen, zumindest nicht wenn man es mit dem vergleicht, was zu dieser Zeit im Musikfernsehen lief. In „Second Bad Vilbel“ (benannt nach dem Kurort in Hessen) wurde keine Band gefeatured und die Bildqualität war weitestgehend mies oder durch Interferenzen gestört. Genauso wie die dazugehörige Musik eigentlich. Also nicht mies, aber gestört. Chris Cunningham, der unter anderem längere Zeit an dem Projekt „AI“ von Stanley Kubrick mitarbeitete, das nach Kubricks Tod zu Steven Spielbergs Film werden sollte, wurde vom Comiczeichner zum Special-Effects-Spezialisten und nun zum Regisseur. Der weiße, von Cunningham selbst gebaute Roboter erinnert denn auch stark an eine Mischung aus „2001“ und „Alien“, an dessen beiden letzten Teilen er ebenfalls als Creature-Designer mitgewirkt hat und vermittelt uns ein sehr kaltes und sinnentleertes Bild der Technik, in der Maschinen nur noch aus reiner Ästhetik statt Funktionalität bestehen. Während des Videos stellt sich die Frage, was genau der Roboter eigentlich für eine Aufgabe hat, dem wir hier bei seinen pittoresken Verrenkungen zusehen. Das ganze auf die Spitze treibt Cunningham später mit seiner Interpretation zu „All Is Full Of Love“ von Björk, indem er die Sängerin in zwei Industrieroboter verwandelt, die dafür geschaffen zu sein scheinen miteinander Sex zu haben. Diese ebenfalls von Präzisionsrobotern geschaffenen Präzisionsroboter erinnern an eben jene – richtig: Präzision von Cunninghams Videos, die sich in sekundenbruchteilgenauen Schnitten passend zum Klang niederschlagen oder den exakt platzierten Blendenflecken auf den Bildern.

Und so ist es wohl auch kein Zufall, dass der junge Brite Cunningham mit dem in Cornwall aufgewachsenen Elektronikmusiker Richard D. James alias Aphex Twin die Rüben zusammensteckte, denn Sound und Bilder passen hier wie ein Ei aufs andere. Will sagen, die Kombination aus Musik und Bild passt wenn, dann hier. Und es entstanden die Videos „Come To Daddy“, „Windowlicker“ und später noch Kollaborationen wie die Videoinstallation „Flex“ und der Kurzfilm „Rubber Johnny“, der ganz besonders Cunninghams dunkelhumorigen Sinn für das außerordentlich Groteske und freakesque verdeutlicht.

Zu sehen sind Cunninghams gesammelte aber nicht gesamte Werke auf einer auf dem Directors Label erschienenen DVD, dem Videolabel das Regisseur Michel Gondry („Eternal Sunshine of the Spotless Mind“, „Science of Sleep“, „Be Kind Rewind“) initiierte und gemeinsam mit Cunningham und Regisseur Spike Jonze („Being John Malkovich“, „Adaptation“, „Wo die wilden Kerle wohnen“) gründete. Mittlerweile sind noch vier weitere DVDs auf dem Label erschienen, Anton Corbijn, Mark Romanek, Jonathan Glazer und Stéphane Sednaoui dürfen hier ihre besten Videoclips, Kurzfilme und – ja, leider auch Werbespots präsentieren. Aber die Videos haben es mittlerweile bis ins Museum geschafft, da einige von ihnen tatsächlich einen großen Einfluss auf die Popkultur und vor allem auch Sehgewohnheiten der Zuschauer haben. So ist es nur ein logischer Schritt, das viele Musikvideoegisseure (David Fincher, Michel Gondry, Spike Jonze, Jonathan Glazer, Anton Corbijn, Jonas Åkerlund) den Weg auf die Leinwand einschlagen und ihre Ästhetik auf das Spielfilmformat übertragen. Oder sind ihre Musikvideos eigentlich nur verkappte Kinofilme, die als Sprungbrett für den Film dienen?


Autechre – Second Bad Vilbel
Regie: Chris Cunningham


Chris Cunningham – Rubber Johnny
Musik: Aphex Twin


Squarepusher – Come On My Selector
Regie: Chris Cunningham


Chris Cunningham – Flex
Musik: Aphex Twin


Björk – All Is Full Of Love
Regie: Chris Cunningham


The Horrors – Sheena Is A Parasite
Regie: Chris Cunningham


UNKLE – Rabbit In Your Headlights
Regie: Jonathan Glazer


Autechre – Gantz Graf
Regie: Alex Rutterford


Squarepusher – Exploding Psychology
Regie: Kaspar Daugaard und Stefan Mylleager

Weitere Informationen:

Directors Label
Warp Records
Rephlex
Squarepusher
Björk
Palm Pictures

Artikel veröffentlicht von Julius am: 01.05.09

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