Die Wutprobe – Ausraster im Fernsehen
Der Mensch, er ist von Grund auf ein neugieriges Wesen. Am meisten aber dort, wo es um die Belange anderer geht und er selbst nicht der dumme August ist, über den sich Spott und Hohn ausschütten. Gerne auch beobachtet er auf der Straße andere Menschen die sich streiten oder wenn sich Prominente einen Fehltritt leisten – oder gleich beides! (von Julius Brodkorb)
Dank einschlägiger Videoportale (Youtube), die gerne von bekannten Sensationszeitungen (bitte selbst einfügen) als einzige Recherchequelle genutzt werden, werden solche Fehltritte auf immer und ewig in den Untiefen des World Wide Web festgehalten und installiert. Dabei gibt und gab es doch immer wieder offiziell auf Video und Film festgehaltene Ausraster prominenter Menschen des Zeitgeschehens. Diese verlieren trotz ihres vollen Bewusstseins um die Tatsache des Gefilmtwerdens vollends die Kontrolle über sich und lassen ihrem Zorn freien Lauf. Teilweise ist es vielleicht sogar einkalkuliert und bei so manchem trug es sogar, wenn nicht zur Imagebildung, dann zumindest dessen Unterstützung bei.
So verwundert es einen kaum, dass Rolf Zacher, anders als vielleicht ein Schauspieler wie Daniel Brühl, äußerst ungehalten auf die zugegebenermaßen fingierten Interviewfragen reagiert die ein auffällig schnöseliger Frager ihm stellt und man irgendwann ein wenig Angst um diesen Schnösel bekommt, nachdem sich Zacher mit Anlauf in Rage gebracht hat.
Rolf Zacher in einem fingierten Interview
Bei Klaus Kinski hingegen brauchte es ja im Grunde gar keinen Gegenüber, um bei diesem manisch getriebenen Charakter eine Wuteruption mehr oder minder verheerenden Ausmaßes zu verursachen. Ein einfaches Stichwort genügte, um jene legendär gewordene Schimpfkaskaden ins Rauschen zu bringen. Es fasziniert noch heute, wie jemand sich selbst mehr und mehr in Rage reden kann, bis sein gesamtes Umfeld betretend schweigend, wie zum Zuschauen gezwungene Katastrophenopfer, diesem Tornado bei der Zerstörung zusieht. Als würde ihm ein Unsichtbarer weiter Nahrung liefern, steigern sich zusehends die Kaliber und die Aggressivität der Beschimpfungen und Drohungen.
Klaus Kinski im Interview
Ein Auschnitt aus dem Film „Mein geliebter Feind“ von Werner Herzog verdeutlicht besonders die Diskrepanz zwischen Kinskis Wutanfällen und seinem Umfeld, dass mit stoischer Ruhe dem gegenüber steht, lässt einen aber auch genauso verwundert darüber zurück, wieso sich Herzog immer wieder diesem Wahnsinn ausgesetzt hat, mit einem Mann zu arbeiten, der unter einer chronischen Allergie gegen Argumente litt.
Klaus Kinski (Auschnitt aus „Mein geliebter Feind“ von Werner Herzog)
Wenn man den Protagonisten Kinski und Zacher in den letzten Beispielen noch eine gewisse Imagepflege vorwerfen kann und letzten Endes ja auch niemand verletzt wurde, sieht es im nächsten Ausschnitt etwas anders aus. Dort verliert die deutsche Schriftstellerin Karin Struck, die damals zum Katholizismus konvertiert war, die Kontrolle und ihre Emotionen entladen sich zuerst an der damaligen Familienministerin Angela Merkel, anschließend an ihrem Funkmikrofon und zuletzt an einem Weinglas, das in dem Gesicht einer Zuschauerin zerschellt und dieser offensichtlich eine Platzwunde beschert, worauf Struck wutentbrannt versucht den Studioausgang zu finden.
Karin Struck in der NDR Talkshow
Ähnlich aggressiv fällt die Handlungsweise Christoph Schlingensiefs aus, der während einer Talkrunde einem Zuschauer gegenüber nicht nur laut sondern auch handgreiflich wird, was dieser wiederum mit einer schallenden Ohrfeige kontert. Television gets physical. Ob man da schon von interaktivem Fernsehen sprechen kann, sei dahingestellt. Natürlich ist es gerade bei jemandem wie Schlingensief relativ schwer zu beurteilen, ob es sich dabei um eine abgesprochene Aktion gehandelt hat. Auch hier wird wieder einmal das Mikrofon Opfer der Auseinandersetzung, denn Schlingensief kehrt schnell wieder in die Rolle des Fernsehprotagonisten zurück und fragt leicht verzweifelt: „Wo ist das Mikro?“.
Christoph Schlingensief hat eine Auseinandersetzung mit einem Zuschauer
Angela Merkel schien zur damaligen Zeit keinen besonderen Riecher für stilvolle Garderoben zu haben, dafür aber um so mehr für skandalträchtige Talkshows. So war sie nicht nur Teil des Veitstanzes mit Karin Struck sondern auch bei einer Ausgabe von „Talk im Turm“ des notorischen Brillenkauers Erich Böhme zu Gast, bei dem Nina Hagen mit einer Dame in Konflikt geriet, deren Erscheinungsbild mit dem der Rolle von Irm Hermann als Königin Elizabeth in „Willi und die Windzors“ nur einigermaßen unzureichend umrissen ist. Nina Hagen war natürlich auch damals nicht ganz uneigennützig eingeladen worden, um den Kontrast zu erhöhen und hat ihre Aufgabe auch hier wieder mehr als erfüllt ohne überhaupt das Wort „Außerirdische“ in den Mund zu nehmen.
Nina Hagen und Angela Merkel bei „Talk im Turm“
Wenn man sich bei Schlingensief noch nicht ganz im Klaren war, ob es sich um einen geplanten bzw. gestellten Ausraster handelt, war bei Nikel Pallat offensichtlich, dass er sich vorbereitet hatte. Der ehemalige Manager der Ton, Steine, Scherben, für die auch Claudia Roth in der selben Position tätig war, hatte sich mit einer kompakten Axt aus dem Baumarkt auf den Weg ins Fernsehstudio gemacht. Um seine Argumente nicht nur mit Worten zu untermauern, holte er diese hervor und versuchte aus dem Diskussionstisch eine Art Kleinholz zu machen. Allerdings hatte er wohl nicht mit der massiven Bauweise dieses Studioinventars gerechnet, denn das äußerst stabile Möbel konnte außer ein paar Dellen keine sichtbaren Zerstörungen vorweisen. So machte er sich kurzerhand an den daran montierten Studiomikrofonen zu schaffen, die er ungelenk in seinen Jackentaschen verstaute, angeblich für Inhaftierte in Jugendanstalten. Was genau diese mit den Mikrofonen anfangen sollten, ließ er an dieser Stelle offen.
Nikel Pallat und der eiserne Tisch
Und zuletzt gibt es natürlich im Fußball zahllose Beispiele von Kontrollverlusten, gerade weil dieser eine der letzten Bastionen darstellt, in denen Männer ungeniert ihre Gefühle zeigen dürfen und weil es hier ausnahmsweise auch mal um wirklich ernste und bedeutsame Dinge geht. Um die Liste aber nicht aus allen Nähten platzen zu lassen, ersparen wir die Wiederholung Ausschnitten mit Millionären, die sich über Schiedsrichterentscheidungen echauffieren, sondern überlassen Willi Konrad das Wort.
Willi Konrad reagiert auf einen Reporter
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Ich hätte Willi Konrad ja schon einen etwas größeren Wortschatz an unflätigen Ausdrücken zugetraut. Nur “Dreckschwein” wird ja auf die Dauer auch langweilig. Wenigstens hat die Krawattennadel im Stadion Stil.
GROSSARTIG, wie zu hause.
ganz weit vorne, na sicher – herr kinski! :)