Manchmal könnte man einfach alles kaputtschlagen – Romain Gavras
Ob er jemals wie sein Vater einen Regie-Oscar erhalten wird, ist derzeit wohl eher fraglich – wie auch, mit Musikvideos? Aber zumindest weiß er, wie man durch vermeintliche Skandale auf sich aufmerksam macht und eine Diskussion politisiert. Den bisherigen Höhepunkt an Aufmerksamkeit hat Romain-Gavras mit Sicherheit durch sein Video zu „Stress“ von Justice erreicht, welches für große Aufregung im internationalen Feuilleton gesorgt hatte. (von Julius Brodkorb)
Es stellte sich damals die Frage, ob es sich um Gewaltverherrlichung handele, da diese in dem Video kommentarlos dargestellt wurde. Ähnlich wie bei dem belgischen Film „Mann beißt Hund“ richtete sich die Gewalt am Ende aber auch gegen den Voyeur, in diesem Fall den Kameramann, selbst. Das ganze war aber so realistisch nah an einer Dokumentation, als wäre Romain-Gavras in enge Kreise der gewaltbereiten Jugendszene getreten und damit Teil einer gewissen Schicht geworden. Dadurch wurde auch das vermeintliche Problem klar – man wusste nie, ob Gavras jetzt aus einer erhabenen Sicht der Dinge auf das Milieu blickte oder sich selbst als Teil dessen sah.
Er spielt mit verschiedenen Ebenen und man wird in seinen Videos immer wieder in merkwürdig fremde Welten gezogen, die abstoßend und anziehend zugleich wirken. Es handelt sich um Inszenierungen, die nicht unbedingt sofort diesen Eindruck machen und bei denen sich Gavras geschickt eines bestimmten sozialen Umfeldes bedient, das dem Zielkonsumenten in der realen Welt Angst machen würde. In einem seiner ersten Videos sehen wir die Tuning-Szene in einer französischen Vorstadt. Gavras hält alles mit einem besonders trostlosen Blick fest und man wohnt bizarr erscheinenden Männlichkeitsritualen bei, die den meisten von uns wahrscheinlich eher fremd sind. Er hält permanent eine gewisse Authentizität aufrecht, obwohl man weiß, dass es sich eigentlich nur um ein Musikvideo handelt. Die Protagonisten jedoch wirken sehr überzeugend, wahrscheinlich sind sie in ihrer Sozialisation sogar echt, aber handelt es sich dann nicht in gewissem Maße um die Ausbeutung eines Milieus? Die Filme sind Auftragsarbeiten, um den materiell versorgten Teil der Jugendkultur zum Kauf von Musik anzuregen und mit Sicherheit ist die in seinen Videos dargestellte Gesellschaft nicht kongruent mit den Konsumenten der jeweiligen Musik.
DJ Mehdi – Signatune (Thomas Bangalter Edit)
Gesteigert wird das Ganze dann noch einmal mit dem Video „I Believe“ von Simian Mobile Disco, wo man Menschen in Rumänien sieht, an denen offensichtlich jeglicher Aufschwung vorbei gegangen ist und die ihre Möbel aus Ermangelung an bewohnbarem Raum einfach auf die Straße stellen. Noch trostloser und weiter weg von der Zielgruppe kann das Dargestellte kaum sein. Und dennoch funktionieren seine Videos, da sie nicht suggerieren, wie eine RTL2-„Dokumentation“ den sozialen Abgrund authentisch darstellen zu wollen, sondern dem Betrachter ganz klar eine Inszenierung anbieten. Doch steht immer die Frage im Raum, ob die gezeigten Menschen wirklich in Armut leben oder die billigen Trainingsanzüge nicht aus einem Filmfundus stammen und die Requisiten mühsam herbeigekarrt wurden. Wahrscheinlicher ist eine Mischung aus beidem. Sowohl fiktive Realität als auch reale Fiktion.
Simian Mobile Disco – I Believe
Mit The Last Shadow Puppets, zwei britischen Jungs, dringt er noch tiefer in den postkommunistischen Raum vor – genauer in sein Herz, Moskau, ein. Wir sehen die Rote Armee samt Chor und eine Eiskunstläuferin, bei der nur noch die unerbittliche Trainerin mit der Pelzmütze fehlt, wie man sie aus James Bond-Filmen kennt. Und zuletzt sehen wir eine schlecht besuchte Zeremonie in einer russisch-orthodoxen Kirche. Auch in diesem Video handelt es sich um eine dokumentarische erscheinende Vermengung von Prototypen und Klischees, die in Maßen authentisch wirken.
The Last Shadow Puppets – The Age of Understatement
Diese extreme Stilisierung führte dann zuletzt zu der Arbeit mit Justice, die als Imagekampagne verstanden werden muss, in der die Musiker offenbar ein härteres Bild von sich vermitteln sollten. Bestehen die vorangegangenen Videos der beiden Franzosen noch aus humorvollen aber harmlosen Animationen des Ed Banger-Hausgrafikers So-Me, treten an deren Stelle nun Bilder der sinnlosen Gewalt. Das Video begleitet französische Jugendliche, die an Szenen aus Uhrwerk Orange erinnernd eine Spur der Zerstörung hinterlassen, alles begleitet von einer dokumentarischen Kamera, mit dem Unterschied, dass Alex DeLarge und seine Droogs weiße Wohlstandskinder sind, in Gavras’ Version aber ausschließlich Kinder afrikanischer oder arabischer Einwanderer. Zwar sind einige ihrer Opfer, die teilweise noch am Boden liegend getreten und geschlagen werden, schwarz oder asiatisch, aber dennoch beschleicht einen das Gefühl, dass die Darstellung reichlich tendenziös ist. Verständlicherweise regte sich dagegen auch Protest, der in einem Statement der Musiker mündete, dass es sich doch nur um Kunst handele.
Justice – Stress
Dennoch gehört die Provokation wohl zum Konzept. So machte der Regisseur anschließend einen als Dokumentation ausgewiesenen Tourfilm mit der Band, in dem die jungen Franzosen als promiskuitive Alkoholfreunde mit einem waffenfanatischen Tourmanager dem Rock & Roll-Lifestyle alle Ehre machen. Da wird in der Gegend rumgeballert, in Hotelzimmern gewütet und werden Flaschen auf Köpfen zerschlagen, dass es eine wahre Freude ist. Glaubwürdig ist das allerdings kaum, da es in Spielfilmlänge weitaus weniger trägt als im Videoclipformat. Die Inszenierung ist evidenter als in allen anderen Videos von Gavras. Vielleicht sollte der Regisseur sich da an seinen Vater halten und gleich einen Spielfilm draus machen, dann klappt es vielleicht doch noch mit dem Oscar.
Justice – A Cross The Universe (Trailer)
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Also, über Sinn und Zweck der forcierten Provokation ließe sich ja nun vortrefflich diskutieren. Alles nur Kommerz? Dann verzichte ich gern auf den Spielfilm!