Gebt mir meine Platte zurück!
Es ist vorbei. Für die Musikindustrie ist es einfach vorbei. Kein Mensch kauft mehr CDs. Musik wird einfach digital und vor allem illegal runtergeladen. Warum soll man sich mit Plastikscheiben rumschlagen, die immer verkratzen und ständig springen? Eine Industrie steht vor dem Ruin. Oder doch nicht? (von Julius Brodkorb)

©2009 Julius Brodkorb (VRU Berlin)
Der Untergang begann in Bayern, als eine Gruppe Wissenschaftler den MPEG Audio Layer 3 – kurz MP3 – erfand. Mittlerweile weiß wirklich jeder, worum es sich dabei handelt. Aber die alten Männer der größten Plattenfirmen der Welt, denen die Wissenschaftler damals an einem Tisch gegenüber saßen, wollten nicht ganz verstehen, was ihnen die Forscher vorstellten. Vor allem wollten sie sich selbst nicht vorstellen, dass Musikkonsumenten ihre Musik in Dateiform hören wollen würden, geschweige denn den Computer als Abspielstation nutzen, statt den guten alten Discman mit sich zu tragen. So lehnten sie das Angebot der Forscher ab, kooperierten nicht und machten das Format auch nicht zu einem Bestandteil ihres zukünftigen Musikangebotes.
Was dann folgte, ist ebenfalls allen klar. Die Musikhörer wollten ihre Musik in Dateiform hören und machten ihre Computer zur Abspielstation. Die Musikindustrie blickte dumm aus der Wäsche, weil sie wirklich überhaupt nicht damit rechnen konnte. Der Discman ist mittlerweile ein Kuriosum der Wiedergabegeräte – wirklich coole Menschen tragen den echten Walkman™, der immerhin noch veritablen Bandsalat produzieren kann.
Nun könnte man sagen, dass es wohl bald keine professionellen Musiker mehr geben wird, wenn es so weitergeht wie jetzt. Warum aber erfreuen sich legale Downloadanbieter wie iTunes, Beatport oder Napster großer Beliebtheit? Natürlich kann man Rekordverkäufe irgendwelcher Eurovisionskandidaten als Ausreißer werten, aber tatsächlich soll es mehr als genug zahlende Downloader geben. Die Gewinnspannen der Verkäufe übertreffen die von CDs bei weitem, da lästige Herstellungs- und Transportkosten entfallen und somit können Musikanbieter eigentlich nur gewinnen.
Das Kurioseste allerdings passiert derzeit jenseits der Downloadportale, sozusagen im „First Life“ – sieht man sich in den von stumpfsinniger Werbung propagierten Elektro-Discounter-Höllen unserer Städte um, so stößt man immer wieder auf gut befüllte und ständig wachsende Regale mit – richtig – Schallplatten. Jenen Tonträgern, die Anfang der 90er als Auslaufmodelle bezeichnet wurden und deren weitere Herstellung doch eigentlich außer Frage stand.
Weezer – Dreamin (Regie: Robert Lepe)
Warum ist das so? Warum ist die Platte nicht vollständig durch die CD ersetzt worden? Vielleicht muss man sich einfach mal die beiden Medien genauer anschauen, um zu begreifen, was eigentlich naheliegend ist. Die CD ist nach jedem ästhetischen Maßstab hässlich. Zunächst hat die Hülle ein Volumen, das von dem Inhalt in keiner Weise gerechtfertigt ist, sie enthält hauptsächlich Luft und dann noch ein Booklet genanntes Heft, dessen Umfang zwischen labberigem Faltblatt und mehrseitigem Hochglanzdruck variiert. Leider sieht dieses Booklet meist schon nach dem ersten Entnehmen nicht mehr besonders hübsch aus, da die kleinen Halterungshubbel in der meist durchsichtigen Frontseite der Hülle ein einfaches Entfernen verhindern und immer hässliche Knicke hinterlassen.
Die CD selbst wird meistens so behandelt wie sie aussieht – schlecht. Der Irrglaube, dass sie nicht analog beschädigt werden kann, da es sich ja um ein digitales Medium handelt, führt dazu, dass die CD gerne ungeschützt durch den Wohnraum fliegt oder auf dem Armaturenbrett des Autos tagelang in der Sonne liegt. Dass der „Rohling“, ein weiterer hässlicher Abkömmling der metallbeschichteten Plastikscheibe zu Dutzenden in einer „Spindel“ aufbewahrt wird, verbessert nicht unbedingt die Wertigkeit der Compact Disc.
Letzten Endes handelt es sich bei der CD nur um eine Musikkrücke, die zwar mittlerweile auch wie früher die Kassette wiederbespielbar ist, aber aufgrund ihrer extrem niedrigen Preisbarriere eher entsorgt als erneut bespielt wird. Und der Vorteil gegenüber der MP3-Datei ist gar keiner, da es für den Benutzer wenig gewinnbringend ist, die CD zu wechseln statt seinen iPod an die heimische Stereoanlage zu klemmen und sich auf diese Weise zu beschallen.
Diametral entgegengesetzt dazu hat die Schallplatte viele nicht von der Hand zu weisende Vorteile. Sie macht optisch in hohem Maße etwas her, ist sogar als Dekorationsobjekt geeignet. Sie nimmt zwar in der X- und Y-Achse mehr Raum ein als die CD, hält sich aber bei der Dicke dezent im Hintergrund. Ein Booklet ist völlig überflüssig, da sich alle Informationen und Bilder großformatig auf Plattenhülle und Innenhüllen unterbringen lassen. Manchmal sogar führen raffinierte Klappmechanismen zu einer Verdopplung oder sogar Verdreifachung der grafisch gestaltbaren Oberfläche.
Zu all den visuellen Vorzügen der Platte kommt aber ein weiterer und noch entscheidenderer Vorteil: der Klang. Und es geht nicht um das Knistern oder reibungsbedingte Grundbrummeln des Vinyls, sondern um den unsynthetischen, warmen Sound, der in den Rillen sitzt. Es geht nicht um Vintage oder Retro, sondern ein tatsächlich physikalisch messbares, anderes Dynamikverhalten und eine ebenfalls andere Art des Musikkonsums. An dieser Stelle soll nicht die Vinyl-DJ-Variante hochgehalten werden, da die Vorteile des DJing mittels MP3s unbestreitbar sind – niemand muss mehr Platten schleppen. Ein Laptop und ein paar Kabel reichen aus und der Klangunterschied geht ohnehin in den brüllenden Bässen, den peitschenden Höhen der Clubanlage verloren und egalisiert sich zu einem hypnotischen Einheitsbrei. Nein, es geht wirklich um einen körperlich anders wahrnehmbaren Klang, den eine gut gepresste Schallplatte ausmacht.
Außerdem hat die Schallplatte einen weiteren Vorteil, der zunächst wie ein Nachteil erscheint. Sie mag durch Kratzer etwas empfindlicher wirken, ist aber um ein vielfaches robuster als eine CD. Denn selbst wenn sie massiv zerkratzt ist, lässt sich aus ihr immer noch etwas heraushören. Eine CD ist dagegen schon für immer unspielbar, wenn man nur aus Versehen mit einem scharfen Fingernagel ein Stück der hauchdünnen, silbernen Schicht von der Plastikscheibe kratzt. Wer CDs aus den ausgehenden 80ern besitzt, wird wahrscheinlich schon mal die Erfahrung gemacht haben, dass diese mit fiesen kleinen Löchern durchzogen sind und deshalb nicht mehr abzuspielen sind. Eine Schallplatte muss man schon zerbrechen, um sie nicht mehr wiedergeben zu können. Sie ist im Grunde das Pendant zum Buch, dass auch schwerer unlesbar zu machen ist als alle digitalen Datenträger.
Sicherlich werden diese Argumente nicht alle überzeugen, doch die Zweifler werden sich noch wundern, wenn sie irgendwann nicht mehr zweifelnd sondern verzweifelt nach CDs im Kaufhaus suchen werden.
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9 Kommentare to “Gebt mir meine Platte zurück!”
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Es geht nicht nur ums Dynamikverhalten, Musif auf LPs hat heutzutage tatsächlich eine viel größere Dynamik als Musik von CDs. Das liegt daran, dass Musik für Vinyl ein zweites Mal extra gemischt wird. Würde man moderne überkomprimierte Produktionen 1:1 wie auf CD in Schallplatten schneiden wollen, würden die Rillen durchbrechen. Deswegen klingt Musik von Vinyl trotz Knistern und Rauschen besser, weil einfach viel mehr Dynamik vorhanden ist.
Für mehr Infos:
http://de.wikipedia.org/wiki/Loudness_war
http://www.dynamicrange.de/ -
Eine Kleinigkeit: ich bin so ein “Mensch” der “noch” CDs kauft, und es gibt eine ganze Menge wie mich. Einfacher Grund: die meiste Musik gibt es nur als lausige MP3s zum Herunterladen. Eine CD ist für mich derzeit das Transportmittel der Wahl, um Musik in passable, verlustfreie digitale Formate auf die Festplatte zu bekommen.
Erst wenn die letzte CD verschwunden ist, werdet ihr merken, dass man MP3s nicht anhören kann… ;-)
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Also auf meinen relativ teuren Studio-Lautsprechern höre ich ab 192k vbr lame keinen Unterschied mehr zur CD.
Ich sage viel eher dass man sich viele Produktionen auf CD heutzutage nicht mehr anhören kann, weil alles nur noch ein einziger viel zu lauter Klangbrei ist. Ich weiß zB noch als ich das erste mal die letzte ACDC-Scheibe “Black Ice” (von CD ;-)) gehört hab. Zum Kotzen, ich hab gerade mal die ersten vier Songs durchgehalten. Nicht zum anhören, so kaputt wie die Musik dort zusammenkomprimiert wurde.
ich kaufe mir CDs, weil es etwas besonderes ist, weil ich damit etwas vom Künstler in der Hand halte und weil sich Musik auch auf meinem iPod einfach besser anhört wenn ich die CD daheim im Regal stehen hab. Aber damit ist wohl bald Schluss und ich hol mir nur noch LPs und überspiel die dann mit ihrer viel besseren Dynamik auf meinen iPod. -
@Markus: Du hast recht damit, “dass man sich viele Produktionen auf CD heutzutage nicht mehr anhören kann, weil alles nur noch ein einziger viel zu lauter Klangbrei ist.” Auch sind die lieblosen CDs der ersten Generation (nicht remastered, Dynamikumfang wie Sau) oft kein Hörgenuss. Heutige klingen aber ziemlich gut. Du kannst Dir ja mal z.B. eine remastered CD von Alan Parsons im Vergleich zu den alten anhören, das sollte ein offensichtlicher Unterschied sein.
Zu der Massenmarkt-Zielgruppe gehöre ich aber nicht, meine Sammlung besteht größtenteils aus Ethno, Jazz und Klassik, und da höre ich den Unterschied zwischen CD/FLAC einerseits und MP3s ziemlich genau. Das durch die Bummbumm-Elektronik genudelte, ans obere Ende des Brüllsounds gequetschte Zeugs will ich auch gar nicht.
Die CD als Medium ist für mich auch kein Selbstzweck. Ich wünsche mir letztlich, dass die meisten Labels sich mit der verlustfreien Verbreitung z.B. im FLAC-Format anfreunden können. Markt wäre da, nicht umsonst stellen sich Gutbetuchte z.B. eine RipNAS ins Wohnzimmer, bloß zum verlustfreien Musikabgreifen von der CD.
Mit den Booklets hab ich bei meinen Vorlieben keine so schlechten Erfahrungen gemacht wie Du, vom Verknittern mal abgesehen.
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Ups, das mit den Booklets stand beim Artikelautor, Entschuldigung.
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@Markus Wäre ich auch noch auf die Unterschiede beim Mastern eingegangen, wäre der Artikel ausgeufert. Aber, du hast Recht, da würde schnell mal der Schneidestichel abbrechen, wenn man die CD-Master nehmen würde. Und Bass in Stereo schneiden ist auch noch nicht erfunden worden und bei der Wiedergabe auf Lautsprechern auch völlig unnötig.
CDs werden heutzutage auf Lautstärke produziert und die Komprimierung des Sounds hat ein extremes Maß erreicht, um den schwächlichen Abspielgeräten gerecht zu werden und das letzte Fitzelchen Lautstärke heraus zu kitzeln.@Rolf Ja, die CD ist, wie ich sage, nur eine Krücke und die Leute werden irgendwann die Musik unkomprimiert herunterladen und direkt von der Festplatte abspielen. Und aus ästhetischen Gesichtspunkten ist für mich die Platte das haptische Pendant dazu, nicht die CD.
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Zerkratzte CDs sind vielleicht nicht mehr abspielbar, aber selbst übel ramponierte CDs habe ich bislang in so gut wie allen Fällen AccurateRip-verifiziert auslesen können (als FLAC natürlich). Geht bloß nicht mit 32-facher Geschwindigkeit wie bei gut erhaltenen CDs ;-) Notfalls könnte man Knackser auch im Audioeditor glattbügeln.
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Das mit der Klangqualität kann ich bestätigen. Vor einigen Jahren hat sich ein Freund von mir mein damaliges Lieblingsalbum (“Lifeforms” von The Future Sound of London) als Doppel-LP gekauft, und erstens ließ das Artwork das popelige CD-Booklet … popelig aussehen, und zweitens war der Klang subtil aber selbst auf einer mittelmäßigen Stereo-Anlage deutlich hörbar anders – voller, runder, raumgreifender irgendwie.
Wenn ich das Leuten erzähle, ernte ich immer ungläubige Blicke, außer von DJs, die selbst Plattenspieler und große Plattensammlungen besitzen.
Leider besitze ich selbst keinen Plattenspieler, aber dafür genau eine Schallplatte (“Gaia” von Tiamat als herrlich bedruckte Picture Disc, die ich aber halt nicht hören kann).
Aber es ist schön, dass mir mal jemand diese Erfahrung bestätigt. -
kleine Anmerkung zum ersten Teil
MP3/iTunes/etc mit Veröffentlichungen von Arcade Fire über Diplo bis Rihanna ist mittlerweile auch = Musikindustrie

















schrieb am 12. April 2010 um 18:21 :
schrieb am 13. April 2010 um 11:00 :
schrieb am 14. April 2010 um 11:38 :
schrieb am 31. Mai 2010 um 11:39 :
schrieb am 9. Juni 2010 um 22:50 :