Hört das denn niemals auf? Perfekte Songs.
Jeder kennt das doch irgendwie. Man hat einen Song entdeckt, oft ist es das letzte Stück auf einem Album und man wird dessen einfach nicht überdrüssig. Also eigentlich ist es sogar viel zu kurz, es hat vier Akkorde, die so perfekt zusammenpassen, dass es niemals aufhören sollte. Und dann – BUMM! – vorbei oder es wird einfach schäbig ausgeblendet. (von Julius Brodkorb)

Illustration: © 2010 NeuroPeach (VRU Berlin)
Den zu kurzen Songs gegenüber gibt es dann eine weitere zweite Kategorie: Stücke, die auch über eben jene himmlische Akkordfolge verfügen, die aber dann tatsächlich niemals enden. Also zumindest nie zu enden scheinen, denn allein schon durch die Spiellänge eines Tonträgers ist natürlich jeder Song zeitlich limitiert – es sei denn, man nutzt die Technik der Endlosrille (was wieder einen weiteren Vorteil der Schallplatte darstellt). Im Folgenden nun meine kleine Hitliste aus beiden Kategorien:
cke, die niemals enden sollten +++ Stücke, die niemals enden sollten +++ S
Zuerst beginnen wir mit einer stilbildenden Band, der die Depression als eigene Ausdrucksform zugeschrieben wird. Die Band, die sich nach Jahren der gemeinsamen Abstinenz im vorletzten Jahr zurückmeldete, sich ihrer Wurzeln besann, sich ihres riesigen Orchesters entledigte und ein sehr verstörendes, rumpelndes Lo-Fi-Meisterwerk zusammenklebte, welches nun wie ein Monolith in der jüngeren Musikgeschichte rumsteht. Achso, die Band – Portishead ist das natürlich.
Daraus stammt nun also folgendes Stück mit dem Titel „The Rip“. Es beginnt mit einer fürchterlich verstimmten Gitarre, die relativ unvirtuos bedient wird. Beth Gibbons schüttet mit ihrer unnachahmlichen Stimme ihren Schmerz über dieses Häufchen Klang-Elend. Und dann passiert es, jetzt übernimmt auch noch ein ebenso unpräzise gespielter Synthesizer die Melodie der Gitarre, während ein klappriges Schlagzeug eingespielt wird. Das alles ist so unglaublich großartig, dass der Autor es kaum fassen kann, und was passiert dann? Es wird einfach emotionslos ausgeblendet. Schlimmer als das Ende von „A Serious Man“. Warum machen Portishead das? Genügt es nicht, dass man zehn Jahre auf ein Album warten muss?
Portishead – The Rip
tücke, die niemals enden sollten +++ Stücke, die niemals enden sollten +++
Gut, weiter im Text. Nun kommen wir zu einem Chanson, den wir hier schon einmal vorgestellt haben. Sébastien Telliers „L’Amour et la Violence“, welches zunächst gemächlich instrumental beginnt. Tellier startet mit einem ziemlich langen Intro auf seinem Fender Piano, bis sich irgendwann die Stimmung ändert und sein zaghafter Gesang einsetzt. In den sich immer wiederholenden Zeilen äußert er sich irgendwie über den Zusammenhang von Liebe und Gewalt, bis Guy-Manuel de Homem-Christo von dem Ganzen genug hat und einen amtlichen Arpeggio-Synthesizer einblendet, der irgendwie ziemlich nach französischer, elektronischer Musik aus der Post-Jarre-Ära klingt. Der Mann mit dem gläsernen Daft Punk-Helm fügt diesem Stück etwas hinzu, was dieses es zu einer der besten Traurigkeitshymnen und dem besten von Sébastien Tellier macht. Naja, und irgendwie wenn es dann richtig groß und raumgreifend geworden ist, ist es auch schon wieder vorbei und es bleibt nur noch der Rest vom Piano übrig. Warum denn nur so kurz, Herr Tellier? Da hätte man noch locker fünf weitere Minuten dranhängen können!
Sébastien Tellier – L’Amour et la Violence
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Nachdem wir nun also zwei Vertreter aus der kurzen Fraktion hatten, kommen wir zu denen, die niemals enden wollen. Den Anfang machen The Horrors mit „Sea Within A Sea“, über die wir auch schon berichtet hatten, über eben jenes Stück. Da es aber ein Paradebeispiel ist, muss es nun ein zweites Mal herhalten. Auch hier, wie schon bei Tellier, fängt der Song mit einem langen Intro an. Vom Klang her wollen wir jetzt mal ausnahmsweise nicht an Joy Division denken, die kennen unsere jungen Leser doch bestimmt ohnehin nicht mehr. Schlagzeug und Bass, eine völlig verhallte Gitarre und Gesang mit mindestens genauso viel Hall, mehr braucht man nicht für ein mehrminütiges Intro. Und zwei Akkorde natürlich. Und dann kommt irgendwann ein Synthesizer ins Spiel (merkwürdig, irgendwie kommt bei allen Stücken hier irgendwann ein Synthesizer ins Spiel). Eine kurzes Gitarrenzwischenspiel wie aus einem James Bond-Film, der in Marrakesch spielt, dann: Schlagzeugexplosion! Kurz darauf nur noch Bassdrum und Bass. Und schließlich wieder der allseits beliebte Arpeggio, natürlich mit Akkorden, die man nicht besser erfinden könnte. Dann kommt auch noch die Stimme von Faris Batwan dazu, und hier kommt der Hall auch noch vor der Stimme, da muss man schon genau hinhören. Besser kann es doch kaum werden, aber schließlich kommt noch das Schlagzeug dazu und die Band spielt sich mit allem Instrumentarium, das ihr zur Verfügung steht, auf diesen Akkorden in einen Rausch. Batwan lässt sich zu einem atonalen Gejodel hinreißen, alles in Allem also perfekt. Und ziemlich lang, fast acht Minuten. Gratulation.
The Horrors – Sea Within A Sea
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Nun machen wir einfach mal einen Zeitsprung, weil die Klassiker auch nicht außer Acht gelassen werden sollten. Da wären nämlich noch die Urgesteine des Rock, um den blöden Kalauer auch noch unterbringen zu dürfen, nämlich die Rolling Stones. Hierbei handelt es sich um eine Live-Aufnahme von einem Konzert in Altamont im Jahr 1969, bei dem die britische Band die kalifornischen Hell’s Angels als eine Art Security einsetzte. Leider endete das mit einem Todesfall, nachdem jemand im Publikum eine Waffe zog und deshalb von einem der Rocker sicherheitshalber erstochen wurde. In der Aufnahme zu „Sympathy for the Devil“ kommt es allerdings nur kurz zu einem Aufruhr im Publikum, der durch die Motorradfreunde und eine Ansprache des geckenhaften Frontmanns Jagger unterbrochen wird. Danach spielen die Stones ihren Song zuende, allerdings hat man das Gefühl, dass sie in einer Schleife hängengeblieben seien. Dieser Song ist eigentlich prädestiniert für eine Endlosrille. Aber das ist wohl auch das Geheimnis, wenn man es so nennen kann, warum er so gut funktioniert. Auch dort muss man Respekt aussprechen.
The Rolling Stones – Sympathy
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Zu guter Letzt kommen wir zur Mutter aller Endlos-Songs. Schon allein, weil es damals die längste Single-Auskopplung der Welt war, muss sie hier Erwähnung finden. Dass die Beatles selbst ein musikalisches Phänomen sind, soll dabei keine weitere Rolle spielen. Ich weiß gar nicht, ob es sinnvoll ist, zu dem Stück noch viele Worte zu verlieren und ob es daher nicht weitaus interessanter ist, etwas zu dem absurden Promotion-Video zu sagen, welches sie damals in den Twickham Studios aufnahmen. Dramatisch geschickt beginnt die Aufnahme mit Paul McCartneys Gesicht in groß, und nach und nach sehen wir die restlichen Beatles drapiert auf einem Podest vor Pauls Klavier. John Lennon, wie immer stoisch kaugummikauend, Ringo wirkt irgendwie gelangweilt und George Harrison scheint schon zu ahnen, welcher Wahnsinn die vier gleich erwartet, zumindest deutet das sein Gesichtsausdruck an. Nach der zweiten „Hey Jude“-Schleife passiert es dann. Plötzlich ist das Studio bevölkert von Fans, die sich in einem klaustrophobischen Gedränge um Ringos Schellenkranz schlagen dürfen.
Offensichtlich war das Kriterium bei der Auswahl der Mitwirkenden ein völliges Fehlen von Rhythmus-Gefühl, so sehen wir eine Frau in einer Art Krankenschwester-Outfit, die unmotiviert vor McCartneys Gesicht herumklatscht und diejenigen, die den Schellenkranz ergattert haben, richten sich auch eher nach ihrem eigenen Herzschlag als dem Song. Die Herren wirken eher übermotiviert, während die Damen in einer Art Schockstarre oder Lethargie verweilen, die wahrscheinlich der Aufregung geschuldet ist, schließlich darf man nicht so oft mit seiner Lieblingsband mitgrölen, inklusive Körperkontakt. Excitement aller Orten. Man stelle sich das Ereignis einfach mal heute vor, wahrscheinlich sähe man die Band vor lauter Handy-Kameras nicht mehr. Und dann ist es auch schon vorbei, nach fast sieben Minuten. Naja, waren halt doch andere Zeiten damals.
The Beatles – Hey Jude
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Verdammt, yeah! Caribou!!!
Ich glaube, ich hab bisher noch nie was von der Band gehört, aber der Song ...

















L’Amour et la Violence ist ne ganz, ganz grosse Nummer. Sehr gut auf den Punkt gebracht. Ich drücke dann nochmal Play …
Habe jetzt mehrfach „Sea Within A Sea“ gehört. Absolut nicht enden wollend! Super wie sich die Arpeggiatoren in der Mitte des Songs die Macht erkämpfen und uns bis zum Ausklang erfreuen.
Brutal! Der Portishead song ist knalloballo!!!