FischGrätenMelkStand oder Adieu Kunsthalle
Es ist soweit. Mit dem Abschlussprojekt FischGrätenMelkStand verabschiedet sich die Temporäre Kunsthalle von Berlin und seinem Publikum. Nach zwei Jahren sagen wir leise Servus. (Rebecca Hildenhagen)
Der aus der Milchviehwirtschaft entlehnte Begriff FischGrätenMelkStand bezeichnet die formale Struktur eines Gruppenmelkstandes und ist titelgebend für die elf Meter hohe Stahlkonstruktion, die auf vier Ebenen unterschiedliche Raumsituationen schafft und die einzelnen Arbeiten in einer Art Gesamtkunstwerk vereint (Quelle: Pressetext Temporäre Kunsthalle Berlin).
Am 31. August 2010 schließt die Temporäre Kunsthalle ihre Tore und präsentiert bis dahin mit ihrem letzten Projekt, der von John Bock kuratierten Ausstellung FischGrätenMelkStand ihre letzte Arbeit in einem großen Finale. Aus dem Raum in den Raum hinein präsentiert der Berliner Künstler Bock ein Sammelsurium aus Wellblech, Holz, Autoreifen, Pizzen usw., das zunächst wie das Chaos eines wild gewordenen Derwisch anmutet, der einfach mal seinen ganzen „ollen Kram“ in einem Museum ablädt und damit zur Kunst erklärt. Dabei ist es viel mehr als das: Jahrmarkt, Zirkus, Kino, Galerie, Fernsehen, Musik, Fashion Show und nicht zuletzt Abenteuerspielplatz für die Großen. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass gerade der letztgenannte Aspekt die Zuschauer Mitspieler begeistert.

Martin Kippenberger – o.A. (Pizza), 1993

Matthew Burbridge – Artist’s residency, 2010

Matthew Burbridge – Artist’s residency, 2010

Matthew Burbridge – Artist’s residency, 2010
Eine Ausstellung, die alles bietet. Auf kippeligen Leitern in die Höhe klettern und den Blick über Berlin genießen, auf einer Brücke balancieren, durch kleine Türöffnungen kriechen, den Blick in die Tiefe des aufgebrochenen Bodens der Kunsthalle, aus dem Raum hinaus auf einen Balkon und sich frischen Wind um die Nase wehen lassen – Enge, Hitze, Labyrinth. Geplante Orientierungslosigkeit wird das Mittel zum Zweck – die Kunst wieder neu zu entdecken. Oder auch: die Möglichkeit in Betracht ziehen, dass Kunst erleben nicht zwangsläufig gleichzusetzen ist mit ultraweißen Räumen, Leere, Kälte und Stille. Merkmale, die auch die temporäre Kunsthalle ausgemacht haben.
Schon im Vorfeld der Ausstellung konnte der zukünftige Besucher zu einem Teil der Installation werden, indem er eigene Socken zur Verfügung stellte. Diese sind jetzt ausgestopft und zu einem Wabenstrukturähnlichen Gebilde zusammengenäht. So gelangt die gewöhnliche Baumwollsocke zu Ruhm und Ehre – und sorgt bei den Besitzern für Begeisterung. Insgesamt sind die Werke von 63 Künstlern zu einem einzigen, wunderbar neuen, unerforschten Planeten zusammengeschmolzen. Was für eine fantastische Vorstellung, wenn man es nicht nur bei einem Teil des Raums belassen hätte, sondern die gesamte Halle genutzt worden wäre. Eine eigene Welt und damit ein gelungener Abschluss.
Mit Künstlern wie z.B. Franz Ackermann, Martin Kippenberger, Isa Melsheimer, Julian Rosefeldt, Christoph Schlingensief, Franz West u.v.m.
Öffnungszeiten: Täglich von 11 – 18 Uhr, Montags bis 21 Uhr
Eintritt frei
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