Jim Kroft im Interview

Foto: Tobias Haussmann
Wie gestern schon angekündigt, folgt heute also ein ausführliches Interview, dass ich mit dem Musiker führen durfte. Sein Album stellt er am 22. Oktober um 23.00 Uhr im Lido vor.
Du hast dir also Berlin ausgesucht und ich habe gelesen, dass du mal Hausbesetzer warst. Was hat dich in unser kleines, dreckiges Berlin gebracht?
Manchmal, wenn du auf dein Leben zurückblickst, ist es schwer zu ergründen, wie man zu seinem derzeitigen Platz gelangt ist. Ich schaue zurück auf meine Ankunft in Berlin und die Ereignisse, die mich dazu brachten, Großbritannien zu verlassen und es ergibt sich ein merkwürdiges Bild.
Aber das ist die Schönheit des Lebens. Dass es nicht unbedingt einen Sinn ergeben muss. Dass man es nicht vorhersagen kann.
Die ganzen Ausbildungssysteme, Versicherungen und so weiter scheinen die Leute vor der Tatsache zu beschützen, dass das Leben ein herrliches Abenteuer ist. Wir leiden schwer, lieben bedingungslos, fallen in Löcher, aus denen wir nie wieder hinauszukommen scheinen und steigen dann zu Höhen auf, die wir nie zu erreichen träumten. Ich glaube, es ist wichtig, dass man dem Leben manchmal erlaubt einfach zu passieren und nicht in vorgefertigten Bahnen zu verlaufen, alles zu kontrollieren.
Ich kam völlig planlos in Berlin an, mit dem Wissen, keine Bleibe mehr zu haben, zu der ich zurückkehren kann. Der einzige Weg war geradeaus und die einzigen Füße die mir den Weg vorgaben, waren meine eigenen.
Das war schon ein harter Anfang, hauptsächlich weil wir keinen Platz zum Schlafen hatten, als ich zusammen mit meinen beiden Bandmusikern ankam. Glücklicherweise hatte ein Freund aus dem Tacheles die Schlüssel zu einer besetzten Wohnung in der Friedrichstraße. Also zogen wir dort ein und lebten 2007 die ersten paar Monate in einem unbeheizten Gebäude ohne Strom und fließend Wasser.
Ich würde nicht sagen, dass wir richtige Hausbesetzer waren. Wir waren eher ein paar planlose Jungs, die aus Versehen da rein gerieten, unorganisierter als alles andere, haha! Aber wir mussten unser Geld mit der Band verdienen und das ist heute verdammt schwer.
Wie auch immer, bald spielten wir viermal die Woche, fünf Stunden jede Nacht und damit begann die Reise, auf der ich heute bin.
Jim Kroft – The Jailer
Was waren deine miesesten Erfahrungen mit der Stadt und kannst du dir vorstellen für immer hier zu bleiben?
Ich glaube die ersten Monate waren die schwierigsten. Das hatte weniger etwas mit der Stadt zu tun als mit den Umständen. Es ist einfach nur schwer sich neu zu verorten und wieder von vorne anzufangen.
Ich fühlte mich einsam und orientierungslos, nachts bereiteten mir meine Fehltritte meines bisherigen Lebens Bauchschmerzen und verfolgten mich bis in meine Träume. Meine Mutter starb, als ich ein Teenager war und aus irgendeinem Grund trauerte ich in Deutschland auf eine andere Weise.
Das neue Album dreht sich um all das, die Courage zu haben, sich mit allem auseinander zu setzen, was man in sich selber findet, egal wie schwierig das ist. Wir verbringen so viel Zeit unseres Lebens damit, zu unterdrücken und zu verdrängen, was wirklich passiert. Aber als ich in Deutschland ankam, lebte ich wie ein Eremit, aber auch wie ein Hedonist, haha! In solchen Zeiten hört man wirklich seine eigene Stimme. Ich glaube, wenn man seinen Glauben bewahrt, nicht notwendigerweise an Gott, aber an das Leben, findet man seinen Weg aus dem Dunkel.
Die zweite schwere Erfahrung war das Verlassen meiner Band Myriad Creatures im Mai letzten Jahres und solo zu spielen. Es war wie schon wieder von vorne anzufangen. Der Song „Ulysses“ handelt von diesem Prozess, am Ende der Reise anfangen.
Jim Kroft – Ulysses
Du hast mit Roger Rummelsnuff gearbeitet, der aus einem völlig anderen musikalischen Kontext stammt und der auch als Türsteher im Berghain arbeitet. Was bringt zwei so unterschiedliche Menschen wie euch zusammen oder seid ihr etwa gar nicht so verschieden, wie man vermuten würde?
Roger ist eine Legende des deutschen Untergrunds, eine wahre Ikone, ein Mann der seinen Weg zielgerade und mit völliger Überzeugung geht. Unsere Musik mag vielleicht unterschiedlich sein, aber nicht wie wir leben. Insofern ist Rummelsnuff eine Art Bruder, ich habe sehr großen Respekt vor ihm und ich schätze unsere Freundschaft sehr. Er ist immer sofort zur Stelle, wenn ich wieder irgendein merkwürdiges Projekt habe, und ich liebe seine Energie, seine Liebenswürdigkeit und Motivation.

Rummelsnuff / Foto: Julius Brodkorb
Das sind die Qualitäten, die unterschiedliche Menschen zusammenbringen. Das hat etwas mit der Herangehensweise an das Leben zu tun. Es gibt Szenen, die sich durch cool sein, gut aussehen, einen Schmollmund machen und herumstolzieren definieren, aber ich habe mit diesen Leuten überhaupt nichts zu tun.
Ich glaube an das Teilen, an Gemeinschaften, an Ideen und etwas Gutes zurück an die Welt zu geben, in seiner eigenen bescheidenen Form. Kultur ist so unendlich faszinierend und variabel, aber wenn kein Herzblut darin steckt, eine Message und Energie, dann ist es einfach belangloser Quatsch.
Nenne mich ruhig idealistisch, aber ich bin einfach sehr ambitioniert, was den Platz, den Musik in der Welt hat, anbelangt. In ihrer Fähigkeit Änderungen zu bewirken, die Vorstellung anderer zu beeinflussen und sie zu trösten.
Du machst sehr melodiöse Musik, die mich manchmal an die Musik der 60er erinnert, liegen dort auch deine Einflüsse und was denkst du über elektronische Musik?
Ich liebe die Musik der 60er, aber ich mag auch modernere Musik. Das Großartige an den 60ern ist, dass die Leute anständige Songs geschrieben haben und sehr viel Sinn für Harmonien hatten. Heute sitzen die Leute häufig am Rechner und machen sich eher Gedanken über Klangwelten als bei menschlichen Emotionen anzufangen.
Wenn ich einen Song schreibe, jaule ich verdammt noch mal. Ich lasse einfach raus, was passiert und der Song schreibt sich selbst. Es hat etwas damit zu tun, sich zu trauen, das eigene Menschsein zu entdecken und die Courage zu haben, das mit anderen zu teilen.
Ich liebe elektronische Musik, aber ich finde es erstaunlich, wie oft man den ewig gleichen 4 To The Floor-Rhythmus findet. Das ist vielleicht Hintergrundmusik fürs Leben, aber ich empfinde gute Musik im Vordergrund.
Das ist der Unterschied zwischen Musik als Unterhaltung und Musik als ein Ausdruck der eigenen psychischen Erfahrung. Aber wie ich schon sagte, sie hat ihren berechtigten Platz, und wer möchte schon über etwas urteilen, was die Menschen lieben! Liebe zwischen allen Brüdern und Schwestern, das ist alles was zählt!

Ist es einfach Songs mit Musikern aufzunehmen, die du vorher alleine geschrieben hast? Wie weit gehst du mit deinen Vorgaben und lässt du deinen Musikern Spielraum für Improvisation?
Wenn ein Musiker gut ist oder einfach verdammt noch mal was beitragen möchte, dann ist es immer eine sehr angenehme Erfahrung. Manchmal wollen Musiker monatelang über Sachen nachdenken, aber das macht für mich alles kaputt. Ich möchte loslegen, schwitzen und jaulen, Aufnahme drücken und dann weitermachen. Es ist ein Prozess und man sollte die Leute so spielen lassen, wie sie es empfinden. Du kannst da nicht sitzen und kontrollieren, was die anderen spielen, sonst kannst du es auch gleich selber spielen und darum geht es ja nicht.
Du veröffentlichst dein Album ohne Plattenlabel im Rücken, du machst die Promotion selber und verkaufst handgemachtes Merchandise. Ich schätze mal, das war deine eigene Entscheidung, alle Freiheiten in diesen Dingen zu haben, denkst du die Zukunft der Musikverbreitung liegt im Selbermachen?
Ich habe lange Jahre hart gearbeitet und das Resultat ist ein sehr starkes Netzwerk als Basis, das mir erlaubt, es selber zu machen. Die Sunst. Bros in Berlin sind Genies der Gestaltung, mein Management Manta Ray Music sind Helden und ich kenne großartige Filmemacher wie Manuel Schamberger und Fotografen wie den großartigen Tobias Haussmann und Sittig Fahr-Becker.
Es gibt einen einmaligen Untergrund an Talenten in Berlin und das bedeutet, dass man damit einiges bewegen kann.
Wie auch immer, seine Musik an den Mann zu bringen ist teuer, touren, Promotion, Werbung. Also nein, ich liebe das Selbermachen, aber es ist nur ein Teil des Prozesses. Irgendwann brauchst du Partner mit Geld. Du musst die harte Arbeit selber machen und dann vernünftiges Business betreiben, um es weiter voran zu bringen.
Welche sind deine derzeitigen Empfehlungen, die man sich unbedingt anhören muss?
Ich liebe I Heart Sharks, Dance on the Tightrope, Livingston, Elias and the Animals Orchestra, Lea Johnson, La Horse, Vienna, The Gecko, Ben Rusch, Martin and James, The Perfect Pineapple, Ben Wuyts, Ben Barritt und das Lucas Dietch Trio.
Was würdest du tun, wenn du für einen Tag oder mehr Bürgermeister von Berlin sein könntest?
Ich würde das Tacheles als Kulturgut schützen lassen und das Café Zapata wieder eröffnen.
Und ich würde die Seele der Stadt bewahren, Orte wie die Bar 25 unterscheiden diese Stadt von Städten wie Paris. Es ist verdammt bescheuert, einen McDonalds zu eröffnen und zu erwarten, dass man das Herz der Stadt bewahren kann.
Vielen, vielen Dank für das Interview!
Alles Gute für euch alle und danke auch für die guten Fragen!

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Ein Kommentar to “Jim Kroft im Interview”
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yeah
















schrieb am 16. Februar 2012 um 17:11 :